Wenn Royal Republic im Capitol Hannover die Bühne betreten, ist das Ergebnis vorhersehbar, aber niemals langweilig: Totale Eskalation. Es ist der 5. Februar 2026. Draußen herrscht norddeutsches Wintergrau, doch drinnen, im ehemaligen Kino am Schwarzen Bären, wird die Realität für zwei Stunden außer Kraft gesetzt. 1.400 Tickets sind restlos vergriffen, der Laden ist voll bis unter das Dach. Die Luft steht, die Stimmung vibriert – so wie bereits 2015, als die Band nebenan im LUX vor 180 Fans spielte. Wer hierherkommt, will keine gepflegte Abendunterhaltung, sondern Rock ’n’ Roll in seiner reinsten, tanzbarsten Form. Doch bevor die schwedischen Hauptakteure den Laden zerlegen, gehört der Abend einem Gast, der hier fast schon zum Inventar gehört.
Alex Mofa Gang: Triumphzug durch die zweite Heimat
Es ist selten, dass ein Support-Act dermaßen gefeiert wird, aber die Alex Mofa Gang spielt in Hannover in einer eigenen Liga. Die Stadt ist für die Band zur zweiten Heimat geworden. Das ist an diesem Abend keine leere Phrase, sondern spürbare Realität. Schon beim ersten Akkord ist klar: Das hier ist ein Triumphzug.
Die Fanbase ist massiv vertreten, textsicher und laut. Man merkt den Musikern in jeder Sekunde an, wie wohl sie sich in der Landeshauptstadt fühlen und wie willkommen sie sind. Die Chemie stimmt blind. Die Alex Mofa Gang nutzt diesen Heimvorteil gnadenlos aus, peitscht die Menge nach vorne und verwandelt ihr Set in ein eigenes Highlight. Sie werden nicht höflich verabschiedet, sondern frenetisch gefeiert. Der Boden ist bereitet, die Stimmung im Saal kocht bereits, bevor der Headliner auch nur einen Fuß auf die Bretter gesetzt hat.
Der Überfall: My House und die totale Ekstase
Pünktlich kurz nach 21 Uhr erlischt das Saallicht. Ein tiefes Grollen schiebt sich durch die PA, dann explodiert der Raum. Ohne langes Intro brettern die Royal Republic im Capitol Hannover mit „My House“ los. Die Botschaft ist unmissverständlich: Wir sind hier, das ist unser Haus, und stillgestanden wird heute nicht. Der Sound im Capitol ist exzellent – druckvoll, differenziert, laut. Die Bässe massieren die Magengrube, die Gitarren sägen präzise durch den Raum.
Mit ihrem aktuellen Album „LoveCop“ haben die Musiker ihren Sound konsequent weiterentwickelt. Was früher reiner Garage Rock war, ist heute eine glitzernde Hybrid-Maschine aus Rock ’n’ Roll und 80er-Jahre Disco. Der Titeltrack „LoveCop“ funktioniert live wie ein Uhrwerk. Der Beat von Schlagzeuger Per Andreasson zwingt zur Bewegung, Bassist Jonas Almén legt einen Teppich, der so groovy ist, dass Stillstehen physisch unmöglich wird. Die Band beweist, dass tanzbare Beats und rockige Attitüde sich gegenseitig befeuern können.
Das Phänomen Royal Republic im Capitol Hannover
Es ist leicht, sich von der enormen Entertainment-Qualität blenden zu lassen und dabei zu übersehen, wie verdammt gut diese vier Musiker ihre Instrumente beherrschen. Royal Republic im Capitol Hannover zu erleben, bedeutet auch immer eine Lehrstunde in musikalischer Tightness. Hannes Irengård an der Gitarre ist der stille, aber unverzichtbare Handwerker, der die Riffs liefert, während Frontmann Adam Grahn die Rampe sucht.
Grahn ist ein Phänomen für sich. Ein riesiger Kerl, in dessen Händen die Explorer-Gitarre fast wie Spielzeug wirkt, und der mit einer Mischung aus Arroganz und Selbstironie durch den Abend führt. Er ist der rockige Sonnyboy, der genau weiß, wie er 1.400 Menschen dirigiert. „It’s good to be back, Hannover!“, ruft er. Und man glaubt es ihm sofort. Diese Stadt und diese Band, das passt einfach zusammen wie Bier und Backstage.
Ein Publikum außer Rand und Band

Der Blick durch den Saal zeigt eine bunte Mischung. Da sind die Teenies in der ersten Reihe, die Studis im Moshpit und die älteren Semester, die am Rand stehen und nicht minder begeistert mitgehen. Die Band schafft es spielend, diese Generationen zu vereinen. Als der Song „Baby“ angestimmt wird, entwickelt sich ein lautstarker Dialog. „B-B-B-Baby“ singt Grahn vor, „B-B-B-Baby“ brüllt die Menge zurück. Es ist simpel, es ist effektiv, es ist Rock ’n’ Roll.
Dabei nehmen sie sich selbst nie zu ernst. „Seit 16 Jahren ist unsere Mission, die Leute zu verwirren“, erklärt Grahn grinsend. „Die Plattenfirma, die Medien, die Fans und uns selbst.“ Genau das ist der Reiz. Sie ziehen jede Schublade auf – Alternative, Garage, Hard Rock – und knallen sie lachend wieder zu.
Akustische Pause und Genre-Bingo
Mitten im Set wird der Strom kurz rausgenommen. Die vier Musiker versammeln sich am Bühnenrand, beleuchtet von wenigen Spots, und geben eine Art Barbershop-Quartett. Ein Beweis dafür, dass die Songs auch ohne Verzerrung funktionieren. Doch auch hier blitzt der Schalk durch. Sie intonieren kurz „Stayin‘ alive“ von den Bee Gees und „Venus“ von Shocking Blue. Braucht man das zwingend? Vielleicht nicht. Macht es Spaß? Absolut.
Grahn demonstriert mit Daumen und Zeigefinger, dass ihr Song „Back from the dead“ verdammt nah am Heavy Metal ist („that close to Metal!“). Um den Beweis anzutreten, spielen sie das Riff von Metallicas „Battery“ an. Ein kurzer Ausflug in die harte Gangart, der von den Fans johlend quittiert wird. Es sind diese Brüche, die den Abend so kurzweilig machen.
Höhepunkte und Kuhglocken
Die Setlist von Royal Republic im Capitol Hannover lässt keine Wünsche offen. „Full Steam Spacemachine“ treibt das Tempo gnadenlos nach oben. Es gibt keine Verschnaufpausen, keine Längen. Bei „Ain’t got time“ springt Grahn in den Fotograben. Er sucht die Nähe, klettert auf die Absperrung und drückt einem weiblichen Fan in der ersten Reihe eine Kuhglocke in die Hand. Sie übernimmt den Takt, integriert in die Show, während die Band auf der Bühne weiterpeitscht. Das ist kein aufgesetztes Star-Gehabe, das ist Interaktion auf Augenhöhe.
Der Klassiker „Tommy-Gun“ darf natürlich nicht fehlen. Der Song, mit dem alles anfing, hat auch 2026 nichts von seiner Dringlichkeit verloren. Er ist der Treibstoff, der das Capitol endgültig zum Überkochen bringt. Schweiß tropft, leere Becher fliegen, und die Temperatur erreicht tropische Werte.
Das Finale: Lazerlove und Ekstase
Als Zugabe packen die Schweden mit „Lazerlove“ einen Song aus, der eigentlich purer Pop ist. Doch in diesem Kontext, nach 90 Minuten Hochgeschwindigkeitsrock, wirkt er wie eine logische Konsequenz. Das Lichtdesign taucht die Bühne in ein Meer aus Strahlen, es wird fast kitschig schön, bevor der letzte Akkord verhallt.
100 Minuten sind vorbei. 100 Minuten, in denen der Alltag keine Chance hatte. Die Band hat geliefert, was sie verspricht: Eine Show, die unterhält, die rockt und die Spaß macht, ohne dabei in Plattitüden abzurutschen.
Die Kombination aus der triumphalen Eröffnung durch die Alex Mofa Gang und der schwedischen Power-Disco war ein Volltreffer. Hannover hat an diesem Abend wieder einmal bewiesen, dass es eine Rock-Stadt ist. Wer hier dabei war, geht mit einem Pfeifen in den Ohren und einem Grinsen im Gesicht nach Hause. So muss Live-Musik sein: Direkt, ehrlich und verdammt nochmal laut.







