Für sein erstes Deutschlandkonzert nach 16 Jahren Pause stand Stevie Wonder in Hannover am Samstag vor ausverkaufter ZAG Arena.
Der 76-Jährige hatte ein festes Programm mitgebracht. Gespielt wurde sein Doppelalbum „Songs in the Key of Life“, vollständig und weitgehend in der Reihenfolge der Platte, ergänzt um die Songs der Bonus-EP. Dafür nahm er sich rund drei Stunden Zeit, aufgeteilt auf zwei Sets.
Anlass ist der 50. Geburtstag des Albums. „Songs in the Key of Life“ erschien 1976 als Doppel-LP mit beigelegter EP, fand weltweit über zehn Millionen Käufer und brachte Wonder seinen dritten Grammy als Album des Jahres ein. Insgesamt 21 Songs umfasst das Werk, an den Originalaufnahmen wirkten 108 Musiker mit. Für den Musiker, den Motown schon mit elf Jahren unter Vertrag nahm, gehört es zu den Höhepunkten einer Laufbahn mit 25 Grammys.
Ganz neu ist die Idee nicht. Bereits 2014 und 2015 brachte Wonder das Album in voller Länge auf nordamerikanische Bühnen. Mit der Jubiläumstour, die insgesamt 18 Termine in den USA und Europa umfasst, holt er das Konzept nun auf diese Seite des Atlantiks. Nach dem Auftakt am 13. Oktober in Birmingham führte die Route über Paris und Skandinavien. Das Konzert von Stevie Wonder in Hannover war die erste von zwei Stationen in Deutschland, der zweite Termin folgt am 26. Oktober in der Kölner Lanxess Arena.
Stevie Wonder in Hannover: das Album Song für Song
Wie groß das Vorhaben angelegt ist, zeigte die Besetzung beim Auftritt von Stevie Wonder in Hannover: Bis zu 30 Musiker standen auf der Bühne. Zur Tourband zählen Bassist Nathan Watts und Keyboarder Greg Phillinganes, die beide schon an den Studioaufnahmen von 1976 beteiligt waren. Damit gehören zwei Zeitzeugen der Entstehung zur Besetzung, was dem Jubiläumsgedanken eine zusätzliche Ebene gibt.
Den Einstieg machte, wie auf der Platte, „Love’s in Need of Love Today“. Es folgten „Have a Talk With God“ und „Village Ghetto Land“, zwei Stücke über Glauben und soziale Not. Der Abend begann damit ruhig und nachdenklich. Erst mit dem jazzrockigen Instrumental „Contusion“ zog das Tempo spürbar an, bevor die bekannteren Nummern des Albums an die Reihe kamen.
Mit „Sir Duke“ und „I Wish“ folgten die ersten großen Hits der Platte. „Sir Duke“ verneigt sich vor Duke Ellington, Count Basie, Glenn Miller, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald, „I Wish“ blickt auf Wonders Kindheit in Detroit zurück. Beide stehen für die verspielte, bläserlastige Seite von „Songs in the Key of Life“.
Ein Volkslied mitten im Soul-Programm
Nach „Knocks Me Off My Feet“ verließ Wonder für einen Moment die feste Abfolge. Er forderte das Publikum auf, „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ anzustimmen, und begleitete den Gesang selbst am Klavier. Das schwäbische Volkslied blieb eine kurze Einlage, die mit dem eigentlichen Programm nichts zu tun hatte und gerade deshalb aus dem Ablauf herausstach.
Danach ging es mit „Pastime Paradise“ zurück ins Album. Der Song lieferte 1995 die Grundlage für Coolios „Gangsta’s Paradise“ und zeigt, wie weit die Wirkung dieser Platte über das Jahr 1976 hinausreicht. Es folgten „Summer Soft“, „Ordinary Pain“ und „Saturn“, ehe „Ebony Eyes“ den ersten Teil des Konzerts abschloss und in die Pause führte.
Stevie Wonder in Hannover im zweiten Set
Den zweiten Teil eröffnete „Isn’t She Lovely“, Wonders musikalische Liebeserklärung an seine Tochter Aisha. Gleich danach erklang „Joy Inside My Tears“. Mit „Black Man“ folgte eines der politischen Stücke des Albums. Der Song würdigt Persönlichkeiten unterschiedlicher Herkunft, die die Geschichte der USA geprägt haben, und gehört zu den inhaltlich deutlichsten Momenten der Platte.
Mit „All Day Sucker“ und dem Instrumental „Easy Goin‘ Evening (My Mama’s Call)“ fanden zwei Songs der Bonus-EP ihren Platz. Anschließend wich Wonder ein zweites Mal vom Album ab und streute einen kurzen Ausschnitt aus „We Are Family“ von Sister Sledge ein. Auch dieser Abstecher dauerte nur wenige Augenblicke, dann ging es mit dem Album weiter.
Das dreisprachige „Ngiculela“ mit Passagen auf Zulu, Spanisch und Englisch, dazu „If It’s Magic“ und „As“ führten auf das Ende des Albums zu. Den Schlusspunkt der Platte setzte „Another Star“. Damit war das komplette Werk samt Bonus-EP gespielt, Song für Song und ohne Abstriche am Konzept der Jubiläumstour.
Ohne die großen Hits anderer Alben
Wer beim Konzert von Stevie Wonder in Hannover auf „I Just Called to Say I Love You“, „Part-Time Lover“, „Higher Ground“ oder „Signed, Sealed, Delivered (I’m Yours)“ gehofft hatte, wartete vergeblich. Diese Hits stammen von anderen Platten und passen nicht in die Idee der Tour. Auch beim Europaauftakt in Birmingham fehlten diese Songs. Wonder blieb seinem Plan treu und rückte das Jubiläumsalbum klar in den Mittelpunkt.
Den Abschluss bildete dennoch ein Song von einer anderen Platte. Mit „Superstition“ vom 1972 erschienenen Album „Talking Book“ beendete Stevie Wonder in Hannover das Konzert. Der Funk-Klassiker mit dem markanten Clavinet-Riff stammt aus derselben kreativen Hochphase der 1970er Jahre und zählt zu den bekanntesten Nummern seiner Laufbahn.
Stevie Wonder in Hannover zeigt das Werk als Ganzes
Das Konzept machte den Auftritt von Stevie Wonder in Hannover zu einem Abend, der Aufmerksamkeit verlangt. Die Geschlossenheit des Albums steht vor schnellen Effekten, die Songs entfalten ihre Wirkung im Zusammenhang. Für alle, die die Platte kennen und schätzen, war das ein starkes Konzert, das das Werk in voller Länge auf die Bühne brachte.
Die beiden kurzen Einlagen mit dem Volkslied und dem Sister-Sledge-Klassiker lockerten den strengen Ablauf auf, ohne ihn zu stören. Wonder hat sich damit für den anspruchsvollen Weg entschieden und ihn konsequent zu Ende gebracht. Das Jubiläum eines der wichtigsten Alben seiner Karriere bekam so den Rahmen, den es verdient.




