Die Toten Hosen in Hannover: Abschiedskonzert vor 65.000 Fans

Foto: Bastian Bochinski
Foto: Bastian Bochinski

Kurz vor Sonnenuntergang liegt bereits ein feiner Sprühregen über dem Messegelände, als Die Toten Hosen in Hannover zum 24. Mal auf die Bühne treten. 65.000 Menschen haben sich bereits auf dem weitläufigen Gelände versammelt – schon beim Eintreffen ahnt man, dass hier eines der größten Konzerte des Jahres ansteht.

Im Verlauf des Abends blickt Campino zurück: auf das UJZ Korn, das Musiktheater Bad, die Rotation und das Capitol. Stationen einer langen Verbindung zwischen Band und Stadt, die im Rahmen der „Trink aus! Wir müssen gehen”-Tournee ihren letzten Auftritt erlebt. Zweieinhalb Stunden Punkrock stehen an, dazu klare Ansagen für ein weltoffenes Miteinander.

Wer einen gewohnten Start erwartet hatte, wird gleich zu Beginn überrascht: Statt des sonst häufig gespielten „Opel-Gang” eröffnet „Strom” den Abend, und „Opel-Gang” selbst taucht in der kompletten Setlist des Abends nicht mehr auf. Ein programmatischer Einstieg, der thematisch genau das Selbstverständnis der Band auf dieser Tour widerspiegelt.

Die Toten Hosen in Hannover: Tempo, Klasse und ein starker Sound

Campino, bürgerlich Andreas Frege, ist trotz seines nahenden 65. Geburtstags von der ersten Sekunde an in Bewegung. Klettern mag er nicht mehr auf die Bühnenaufbauten, doch im Herumrennen darauf kennt er kaum seinesgleichen. Songs wie „Die Show muss weitergehen”, „Auswärtsspiel” und „Laune der Natur” folgen im hohen Tempo aufeinander, angetrieben von Schlagzeuger Vom Ritchie, der die Menge hörbar antreibt.

Musikalisch beweist sich Die Toten Hosen in Hannover an diesem Abend als bestens eingespielt: Egal ob nah an der Bühne oder am hintersten Rand des riesigen Geländes, der Sound bleibt klar, druckvoll und jedes Wort verständlich. Genau dieser druckvolle Live-Sound gehört zu den Dingen, die Die Toten Hosen in Hannover an diesem Abend besonders auszeichnen. Bei „Wir waren nie weg” und „Paradies” braucht das Publikum keine Aufforderung mehr zum Mitsingen.

Auch dramaturgisch zeigt sich die Setlist als Reise durch fast 45 Jahre Bandgeschichte: „Liebeslied”, „Hier kommt Alex” und „Was ist mit uns los” stehen neben gleich neun Songs des aktuellen und letzten Albums, darunter „Lass mal nicht machen”, „Das ist der Moment”, „Nur nach vorn”, „Düsseldorf” und der Titelsong selbst. Von Auftritt zu Auftritt verändert die Band ihre Songauswahl spürbar, sodass jeder Abend der Tour ein eigenes Gesicht bekommt.

Auch abseits der großen Hits nimmt sich die Band an diesem Abend Zeit für weniger bekannte Songs. „Altes Fieber”, „Schlechte Nachbarn”, „Wannsee” und „Du lebst nur einmal” finden ebenso ihren Platz wie „Bonnie & Clyde” und „Was früher einmal war” – eine Setlist, die bewusst nicht nur auf die bekanntesten Nummern setzt, sondern auch langjährigen Fans immer wieder neue Momente bietet. „Alles aus Liebe” und „Pushed Again” sorgen zwischendurch für zusätzliche Energie, bevor mit „Wünsch dir was” und dem Cover „Halbstark” zwei weitere Wegmarken der Bandgeschichte folgen.

Zwei Vorbands heizen dem Publikum vor dem Hauptact ordentlich ein. Bad Nerves aus der englischen Grafschaft Essex, gerade von einer US-Tour zurück, überzeugen mit schneidenden Gitarren und deutlichem 70er-Jahre-Einfluss, darunter mit „Can’t Be Mine” von ihrem Debütalbum. Als Einlaufmusik läuft ein Ramones-Klassiker, passend zum kompromisslosen Punk-‘n’-Roll-Auftritt des Quintetts. Tanzen lässt sich an diesem Abend selbst in Regenponchos, wie das Publikum vor der Bühne beweist. Es folgt Feine Sahne Fischfilet mit Frontmann Jan „Monchi” Gorkow: bunter Rauch, Bierduschen und ein Gastauftritt einzelner Hosen-Mitglieder bei „Komplett im Arsch” sorgen für ausgelassene Stimmung, bevor überhaupt der Hauptact beginnt.

Auch Feine Sahne Fischfilet sendet an diesem Abend Grüße in die eigene Heimat und macht damit deutlich, wofür die Band steht – ganz im Sinne der klaren politischen Haltung, die den gesamten Abend prägt. Als Monchi humorvoll vor einer „Schlammschlacht” auf dem aufgeweichten Gelände warnt, kontert ein Fan aus der ersten Reihe trocken mit „Ist doch Pflaster!” – ein kleiner Wortwechsel, der die entspannte, direkte Atmosphäre zwischen Bühne und Publikum an diesem Abend gut einfängt.

Das Publikum ist auffallend durchmischt. Altpunks stehen neben jungen Fans, ganze Familien haben sich über das riesige Gelände verteilt – die meisten von ihnen sind mit dieser Band groß geworden. Mindestens drei Generationen treffen an diesem Abend aufeinander, und genau diese Mischung aus langjähriger Treue und neuer Energie gibt dem Konzert seinen besonderen Charakter. Über dem Bühnendach hängen unterdessen große Flaggen mit Totenkopf-Emblem und stilisiertem Adler-Skelett, während der Schriftzug „Bis zum bitteren Ende” langsam nach oben gezogen wird. Der leichte Regen, der schon gegen 18 Uhr eingesetzt hat, kann der guten Stimmung nichts anhaben.

Gänsehaut bei „Nur zu Besuch”

Nicht jeder Moment des Abends ist auf Tempo gebaut. Bei „Nur zu Besuch”, einem Song, den Campino vor mehr als zwei Jahrzehnten für seine verstorbene Mutter geschrieben hat, tragen nur Gesang und Gitarre die leise, melancholische Nummer. Für einen Augenblick wird es auf dem riesigen Gelände fast still, bevor „Steh auf, wenn du am Boden bist” das Tempo sofort wieder anzieht.

Zwischen den Songs bleibt Campino gesprächig: Er erinnert sich an sein erstes Mal auf einer Wiese in Hannover, erzählt von früheren Schwimmausflügen in einem Tümpel der Stadt und hofft scherzhaft, dass dieser inzwischen sauberer geworden ist. Klare Worte findet die Band auch politisch. Auf den LED-Wänden erscheinen Hinweise auf die Initiativen Pro Asyl und „Kein Bock auf Nazis”, während zahlreiche Fans Regenponchos mit der Aufschrift „Love Rain, Hate Racism” tragen – eine deutliche Haltung gegen Rechtsextremismus, ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt.

Genau diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit macht Die Toten Hosen in Hannover an diesem Abend aus – ohne dass es je aufgesetzt wirken lässt. Nichts wirkt einstudiert oder abgespult, sondern präsent und im Moment erlebt.

Bommerlunder, Konfetti und ein großes Finale

Je später der Abend bei Die Toten Hosen in Hannover, desto enger wird die Verbindung zwischen Bühne und Publikum. Als die Fans „Eisgekühlter Bommerlunder” als Sprechgesang zwischen den Songs anstimmen, zieht Campino kurzerhand eine Flasche Schnaps hervor, erzählt eine launige Geschichte über gastfreundliche Hannoveraner und lässt die Flasche bis in die erste Reihe wandern. Kurz darauf spielen Die Toten Hosen in Hannover den Song spontan auf Zuruf – ein ungeplanter, echter Moment, der sich nicht hätte planen lassen.

Konfetti, Luftschlangen und Pyrotechnik begleiten den Ausklang direkt vor der Bühne. Kurz zuvor sorgen „Tage wie diese” als publikumswirksamer Mitsing-Hit und „Schrei nach Liebe” – die von den Ärzten übernommene Anti-Nazi-Hymne – noch einmal für kollektive Gänsehaut, bevor „Schönen Gruß, auf Wiederseh’n” bereits den Übergang zu den Zugaben einleitet. Nach drei Zugabenrunden endet der Auftritt von Die Toten Hosen in Hannover mit „Freunde” und schließlich mit „You’ll Never Walk Alone” als emotionalem Schlusspunkt – trotz zwischenzeitlichem Dauerregen bis zum Schluss durchgehalten. Selbst als der Himmel gegen 22 Uhr noch einmal richtig öffnet, lassen sich die 65.000 Fans nicht bremsen und bleiben bis zur letzten Minute dabei.

Was von Die Toten Hosen in Hannover bleibt, ist ein Abend mit variabler Setlist, echten Gänsehautmomenten und einer Band, die auch auf ihrer Abschiedstour keine Routine erkennen lässt. Wer live dabei war, nahm ein gutes Stück Punkrock-Geschichte mit nach Hause – die Erinnerung wird lange nachwirken.

Die Toten Hosen in Hannover

Für alle, die diesen Termin verpasst haben: 2027 kehren Die Toten Hosen nach Niedersachsen zurück und spielen zwei weitere Shows im Eintracht-Stadion Braunschweig. Für den 3. Juli gibt es längst keine Karten mehr, während für den zusätzlich angesetzten Termin am 2. Juli laut Veranstalter Undercover aktuell noch Restkarten verfügbar sind – von den 35.000 Tickets waren zuletzt bereits 15.000 verkauft. Wer den Auftritt von Die Toten Hosen in Hannover verpasst hat, bekommt damit eine zweite Gelegenheit, die Band auf dieser letzten großen Tour live zu erleben.

Fotos: Bastian Bochinski


12.06.2027 NÜRNBERG MAX-MORLOCK-STADION – AUSVERKAUFT 
17.06.2027 MANNHEIM  MAIMARKTGELÄNDE
19.06.2027 BERN STADION WANKDORF
23.06.2027 GRAZ MESSE GRAZ – OPEN AIR
26.06.2027 LEIPZIG  FESTWIESE
29.06.2027 GELSENKIRCHEN VELTINS-ARENA
02.07.2027 BRAUNSCHWEIG EINTRACHT-STADION
03.07.2027 BRAUNSCHWEIG  EINTRACHT-STADION – AUSVERKAUFT
07.07.2027 KONSTANZ BODENSEESTADION
10.07.2027 DÜSSELDORF MERKUR SPIEL-ARENA

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